Der Standort des Mahnmals am Markt ist bewusst gewählt. Hier wohnten in der Nachbarschaft etliche jüdische Familien in Sichtweite der ehemaligen Synagoge. Auf der Gedenkstele sind die Namen der Opfer eingetragen. Eine angedeutete Menora (Leuchter) ist ebenfalls dargestellt.

Beschreibung der Vorder- und Rückseite
Auf der Rückseite der Stele wird der Prophet Jesaja zitiert „Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird“. Da drunter steht die Widmung „Den jüdischen Mitbürgern Bitburgs zum Gedenken“.
Stephan Garcon Foto-Garcon Bitburg Lichtbildner-Kombinat, © www.foto-garcon.deAuf der Vorderseite finden sich die Namen von 22 jüdischen Bürgern, die aus Bitburg stammend durch die nationalsozialistische Verfolgung ihr Leben verloren.
Stephan Garcon Foto-Garcon Bitburg Lichtbildner-Kombinat, © www.foto-garcon.de
Der Riss
Ein wesentliches Merkmal der von dem Bildhauer Sebastian Langner geschaffenen Gedenkstele ist der Riss. Auf ihm stehen die Stufen der Verfolgung, die sich von

verachtet
über diffamiert,
ausgegrenzt,
boykottiert,
stigmatisiert,
entrechtet,
beraubt,
vertrieben,
deportiert
bis ermordet
zur Stele hinziehen.
Der „Riss“ weist in Richtung Standort der ehemaligen Synagoge. „Dieser Riss“, so Sebastian Langner, „steht für eine nicht verheilende Wunde“. Er kann auch für den historisch erfolgten Zivilisationsbruch stehen, symbolisch für die dünne Haut, die jederzeit zerreißen kann. Letztlich soll die Gedenkstele daran erinnern, zu welcher Barbarei Menschen fähig sind.
Geschichte des jüdischen Lebens in Bitburg
Mit dem Mahnmal am Markt gedenkt die Stadt Bitburg ihrer jüdischen Mitbürger, die im „Dritten Reich“ von den Nazis ermordet wurden. 22 Bitburger, Männer und Frauen, jung und alt, wurden Opfer einer verbrecherischen Rassenideologie. Sie lebten in der Stadt mit ihren Nachbarn zusammen, waren Geschäftsleute und Kunden, Kollegen und Mitbürger, Sportkameraden und Schulfreunde. Einige kämpften und fielen im Ersten Weltkrieg als Soldaten für Deutschland. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Juden ein selbstverständlicher Teil der Bevölkerung. Sie gehörten zu Bitburg, mehrere wohnten in der Nähe der ehemaligen
Synagoge.
Die jüdische Familie Pelzer wird erstmals im Jahr 1824 erwähnt. Einige Jahre später kaufte Kallmann Pelzer ein Wohnhaus in zentraler Lage. In den folgenden Jahren wuchs die jüdische Gemeinde langsam an. 1848 wurden 17 Juden in der Stadt gezählt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen mehr und mehr Juden nach Bitburg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ihre Zahl auf 72 gestiegen. 1878 wurde die Synagoge
Ecke Rautenberg/Neuerburger Straße eingeweiht. 1890 bekam die Gemeinde einen Friedhof und im Jahr 1900 eine eigene Schule. Insgesamt waren die Juden gut integriert. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 aber wurden die Rechte der jüdischen Mitbürger zunehmend eingeschränkt. Einige zogen fort. So
zählte man 1935 nur noch etwa 40 jüdische Personen. Mit den Nürnberger Gesetzen erreichte die Ausgrenzung einen vorläufigen Höhepunkt. Berufs- und Handelsverbote, Beschränkung der Schulbesuche - immer weitere Diskriminierungen. Juden durften nicht ins Kino, durften keine Radios und keine Haustiere besitzen.
Viele erkannten die Zeichen der Zeit und flüchteten ins Ausland oder zogen in größere Städte, in der Hoffnung, in der Anonymität der Großstadt untertauchen zu können. Einige konnten so überleben, aber eine große Anzahl geriet doch in die Fänge der Nazis; sie wurden verhaftet, deportiert
und ermordet.Verfolgung der jüdischen Bevölkerung
Mit der Pogromnacht am 9. November 1938 erreichte die Verfolgung ein unvorstellbares Ausmaß. Auch in Bitburg wurden Wohnungen verwüstet, die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört, jüdische Geschäfte beschmiert, auf dem jüdischen Friedhof Grabsteine umgeworfen und mehrere Juden festgenommen. Im Herbst 1939 lebten nur noch drei jüdische Familien mit insgesamt 10 Personen in Bitburg. In verschiedenen Vernichtungslagern wurden die aus Bitburg verzogenen Juden Irma Apfel, Adelheid Ehrlich, Walter Juda, Jakob Juda und Klara Juda, Johanna Kahn und Max Kaufmann umgebracht.
Einzelschicksale von auf der Stele zu findenden jüdischen Personen
Das Schicksal einiger Familien bzw. Einzelpersonen wird im Folgenden stellvertretend hier dargestellt:
Josef Levy wurde vorübergehend ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Nach seiner Entlassung und Flucht nach Frankreich wurde er gefasst, über das Lager in Drancy nach Auschwitz deportiert und dort 1942 ermordet.
Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Isidor Meier handelte mit Vieh, landwirtschaftlichen
Geräten und Produkten. Sein Haus stand unmittelbar neben der Synagoge. 1938 verzog er mit seiner Frau Sophie und Kindern nach Köln, dann weiter nach Amsterdam. Dort wurde er mit seiner Frau Sophie 1943 verhaftet und im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Seine Kinder überlebten, eine Tochter das KZ Bergen-Belsen, der anderen gelang die Flucht nach Südamerika, dem Sohn die Flucht über England nach Amerika.
Rosa Kaufmann, die Schwester von Sophie Meier und Witwe des bereits 1934 verstorbenen Max Kaufmann, floh ebenfalls nach Köln, dann nach Belgien. Sie wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Eine weitere Schwester Elise Barth lebte bei ihrem Schwager im Karenweg. Ihr Mann Isidor Barth war 1937 verstorben. Elise floh, wie andere auch, zunächst nach Köln, dann nach Belgien. 1942 wurde sie nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Leo Kaufmann hatte einen umfangreichen Handel mit Baustoffen und Landprodukten. Sein Wohnhaus und seine Wirtschaftsgebäude lagen am Markt. Er zog 1936 nach Köln um, später nach Amsterdam. Dort wurde er verhaftet und 1943 in Sobibor ermordet.
Ein besonderes Schicksal ereilte Sybilla Joseph. Von Nachbarn in der Schliezgasse und vor allem von Kindern wurde sie als gutmütig beschrieben. Sie nannten sie Billa. Allerdings wurde sie von Mitbewohnern des Hauses wegen ihres sonderbaren Verhaltens angezeigt. In der Pogromnacht 1938 wurde sie verhaftet und nach Andernach gebracht. Dort verstarb sie unter ungeklärten Umständen. Die Krankenakte legt jedoch Tod durch Verhungern nahe.
Klara Juda, deren Ehemann Heinrich 1921 an den Folgen einer Kriegsverletzung verstorben war,
flüchtete nach Luxemburg von wo aus sie über Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau deportiert
wurde, wo sie am Tag ihrer Ankunft vergast werden sollte. Ihr Sohn Karl eröffnete nach dem Krieg mit seiner Frau Hansi, die Auschwitz überlebt hatte, das Bitburger Bekleidungshaus.Das Schicksal der letzten in Bitburg verbliebenen Juden
Die letzten vor der Shoah in Bitburg lebenden Juden waren die Familien Silve Kallmann, Jakob
Kallmann und die Witwe Berta Meier. Zunächst wohnten sie alle in unterschiedlichen Häusern in
der Mötscher Straße. Die insgesamt 8 Personen mussten im August 1939 in ein Haus in der Kölner
Straße umziehen. Ein Jahr später wurde Jakob Kallmann angewiesen, mit seiner Frau Paula
und Sohn Ernst nach Sülm zu ziehen. Das gleiche Schicksal traf Berta Meier. Im April 1942 wurden alle ebenso wie die Geschwister Ruben aus Sülm nach Trier gebracht, von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Die letzte verbliebene jüdische Familie war die von Silve Kallmann. Er glaubte, weil er als Soldat für Deutschland am 1. Weltkrieg teilgenommen hatte, könne ihm nichts passieren. Zunächst wurden er und sein Sohn Kurt zur Zwangsarbeit in einer Ziegelei in Quint verpflichtet. Im April 1942 wurde er mit seiner Frau Sophie, dem Sohn Kurt und der Tochter Else nach Polen deportiert und im Vernichtungslager Belzec ermordet.
Stellvertretend für alle Opfer wurde eine Straße in Bitburg nach der mit 21 Jahren umgebrachten Else Kallmann benannt.Überlebende jüdische Familien
Überlebt haben 14 Personen. Über deren Verbleib gibt es nur unvollständige Daten.
